BFSG 2026: Barrierefreiheit im Online-Handel
BFSG 2026 fuer Online-Haendler: Was seit 28.06.2025 gilt, wer betroffen ist, die Kleinstunternehmen-Ausnahme, WCAG-Pflichten und Bussgelder bis 100.000 Euro.

Die Kurzfassung: Das Barrierefreiheitsstaerkungsgesetz (BFSG) ist seit dem 28. Juni 2025 in Kraft und verpflichtet weite Teile des B2C-Online-Handels, ihre Websites, Apps und Shops barrierefrei zu gestalten. Betroffen sind Onlineshops, die Verbrauchern Produkte oder Dienstleistungen anbieten. Es gibt eine Ausnahme fuer Kleinstunternehmen bei Dienstleistungen, naemlich weniger als 10 Beschaeftigte und hoechstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz. Wer jedoch Produkte in Verkehr bringt, kann trotz dieser Schwelle betroffen sein. Praktisch bedeutet das: barrierefreie Gestaltung orientiert an den WCAG-Standards beziehungsweise der Norm EN 301 549, plus eine Erklaerung zur Barrierefreiheit. Bei Verstoessen drohen Bussgelder bis zu 100.000 Euro. Dieser Beitrag ist keine Rechtsberatung. Im Zweifel sollten Sie einen auf das BFSG spezialisierten Anwalt hinzuziehen.
Was das BFSG ist und warum es Sie betrifft
Das Barrierefreiheitsstaerkungsgesetz setzt den European Accessibility Act in deutsches Recht um. Ziel ist, dass Menschen mit Behinderungen digitale Angebote selbststaendig nutzen koennen.
Fuer den Online-Handel ist das relevant, weil ein Grossteil der Onlineshops unter das Gesetz faellt. Wer Verbrauchern ueber eine Website oder App Produkte oder Dienstleistungen anbietet, muss diese grundsaetzlich barrierefrei gestalten.
Die Pflicht gilt seit dem 28. Juni 2025. Es gibt also keine Schonfrist mehr, die in der Zukunft liegt. Wer bisher nichts unternommen hat, ist bereits in der Pflicht und sollte zeitnah handeln.
Wer ist betroffen, wer nicht
Grundsaetzlich betroffen sind Anbieter im elektronischen Geschaeftsverkehr mit Verbrauchern, also klassische B2C-Onlineshops. Das umfasst die Website, den Bestellprozess und in vielen Faellen auch Apps.
Es gibt eine wichtige Ausnahme: Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen anbieten, sind ausgenommen, wenn sie weniger als 10 Beschaeftigte haben und einen Jahresumsatz von hoechstens 2 Millionen Euro erzielen. Beide Bedingungen muessen erfuellt sein.
Hier liegt eine haeufige Fehleinschaetzung. Diese Ausnahme gilt fuer Dienstleistungen. Wer Produkte in Verkehr bringt, also herstellt, importiert oder als Haendler vertreibt, kann trotz Unterschreiten der Schwellen betroffen sein. Verlassen Sie sich daher nicht pauschal auf die Kleinstunternehmen-Regel, sondern pruefen Sie Ihren konkreten Fall.
Welche Pflichten konkret gelten
Im Kern muss Ihr digitales Angebot fuer Menschen mit unterschiedlichen Einschraenkungen wahrnehmbar, bedienbar, verstaendlich und robust sein. Diese vier Prinzipien stammen aus den WCAG, den international etablierten Web Content Accessibility Guidelines.
Konkret heisst das unter anderem: ausreichende Farbkontraste, Bedienbarkeit per Tastatur, sinnvolle Alternativtexte fuer Bilder, klare Struktur ueber Ueberschriften, beschriftete Formularfelder und Kompatibilitaet mit Screenreadern. Die deutsche und europaeische Bezugsnorm ist EN 301 549.
Dazu kommt eine formale Pflicht: Sie muessen eine Erklaerung zur Barrierefreiheit bereitstellen und Informationen dazu zugaenglich machen, etwa ueber Ihre AGB oder einen eigenen Hinweis. Diese Erklaerung beschreibt den Stand der Barrierefreiheit und nennt eine Kontaktmoeglichkeit fuer Rueckmeldungen.
Die Erklaerung zur Barrierefreiheit
Die Erklaerung zur Barrierefreiheit ist ein eigenstaendiges Dokument, das Verbraucher auf Ihrer Website finden muessen. Sie ist vergleichbar mit Impressum und Datenschutzerklaerung in ihrer Pflichtfunktion.
Inhaltlich beschreibt die Erklaerung, inwieweit Ihr Angebot die Anforderungen erfuellt, welche Bereiche eventuell noch nicht vollstaendig barrierefrei sind und wie Nutzer Barrieren melden koennen. Transparenz ist hier wichtiger als ein perfekter Status.
Praktisch verlinken viele Haendler die Erklaerung im Footer und referenzieren sie in den AGB. Wichtig ist, dass sie tatsaechlich erreichbar und aktuell ist. Eine veraltete oder fehlende Erklaerung ist selbst ein Verstoss.
Bussgelder und Risiken
Verstoesse gegen das BFSG koennen mit Bussgeldern von bis zu 100.000 Euro geahndet werden. Die zustaendigen Marktueberwachungsbehoerden koennen zudem die Einstellung nicht konformer Angebote anordnen.
Neben dem Bussgeldrisiko besteht ein Abmahnrisiko. Wo neue gesetzliche Pflichten entstehen, entwickelt sich erfahrungsgemaess auch eine Abmahnpraxis durch Wettbewerber oder Verbaende.
Das groessere Risiko ist jedoch oft wirtschaftlich. Ein nicht barrierefreier Shop schliesst einen relevanten Teil potenzieller Kunden aus. Barrierefreiheit ist daher nicht nur Pflicht, sondern auch ein Hebel fuer mehr Reichweite und bessere Conversion.
Einordnung im Compliance-Gesamtbild
Das BFSG ist nicht die einzige Compliance-Pflicht, die Online-Haendler 2026 betrifft. Es reiht sich ein in ein wachsendes Regelwerk rund um den digitalen Handel.
Dazu gehoeren die Produktsicherheitsverordnung mit ihren erweiterten Informationspflichten, nachzulesen unter /blog/gpsr-produktsicherheit-online-handel-2026, sowie die Registrierungspflichten nach dem Verpackungsgesetz, beschrieben unter /blog/verpackungsgesetz-lucid-2026.
Sinnvoll ist, diese Themen nicht isoliert abzuarbeiten, sondern als zusammenhaengenden Compliance-Block zu behandeln. Wer ohnehin sein Listing- und Shop-Setup ueberarbeitet, kann Barrierefreiheit, Produktsicherheitsangaben und Verpackungspflichten in einem Aufwasch angehen.
In 6 Schritten zur BFSG-Konformitaet
- Pruefen Sie Ihre Betroffenheit. Klaeren Sie, ob Sie als B2C-Anbieter betroffen sind und ob die Kleinstunternehmen-Ausnahme tatsaechlich greift. Im Zweifel anwaltlich pruefen lassen.
- Fuehren Sie einen Barrierefreiheits-Check durch. Testen Sie Website und App gegen die WCAG-Kriterien, etwa Kontraste, Tastaturbedienung, Alternativtexte und Screenreader-Tauglichkeit.
- Beheben Sie die gefundenen Barrieren. Priorisieren Sie kritische Stellen im Bestell- und Bezahlprozess, weil dort der direkteste wirtschaftliche und rechtliche Schaden entsteht.
- Erstellen Sie die Erklaerung zur Barrierefreiheit. Beschreiben Sie den Stand, offene Punkte und eine Kontaktmoeglichkeit fuer Rueckmeldungen.
- Verlinken Sie die Erklaerung sichtbar. Binden Sie sie in Footer und AGB ein, sodass Verbraucher sie leicht finden.
- Etablieren Sie einen Wartungsprozess. Pruefen Sie Barrierefreiheit bei jedem groesseren Relaunch oder Template-Wechsel erneut, damit Sie nicht unbemerkt aus der Konformitaet fallen.
Was MarketplAIce dabei leisten kann und was nicht
MarketplAIce ist eine Plattform fuer praediktive Gebots-, Listing- und Preissteuerung auf Marktplaetzen. Eine Rechtspruefung Ihrer Shop-Barrierefreiheit gehoert ausdruecklich nicht zum Funktionsumfang.
Dort, wo MarketplAIce hilft, ist die saubere Pflege Ihrer Listing-Inhalte ueber Kanaele hinweg. Strukturierte, vollstaendige und konsistente Produktinformationen sind die Basis dafuer, dass Inhalte auch barrierefrei aufbereitet werden koennen.
Die rechtliche und technische Umsetzung der Barrierefreiheit Ihrer eigenen Website bleibt jedoch Ihre Aufgabe, idealerweise mit fachlicher Begleitung. Betrachten Sie diesen Beitrag als Orientierung, nicht als Rechtsberatung.
Die haeufigsten Barrieren im Online-Shop
Wenn Sie wissen, wo Barrieren typischerweise stecken, finden Sie die meisten Probleme schnell selbst. Die folgenden Punkte tauchen in fast jedem ungeprueften Shop auf und lassen sich oft mit ueberschaubarem Aufwand beheben.
Ein Klassiker sind zu geringe Farbkontraste, etwa hellgrauer Text auf weissem Grund oder blasse Buttons. Die WCAG nennen konkrete Kontrastverhaeltnisse, die normaler Text und groessere Schrift mindestens erreichen sollten. Daneben fehlen oft sinnvolle Alternativtexte fuer Produktbilder, sodass Screenreader-Nutzer nicht erfahren, was abgebildet ist.
Weitere haeufige Barrieren sind nicht beschriftete Formularfelder im Bestellprozess, fehlende Tastaturbedienbarkeit bei Menues und Slidern sowie Inhalte, die ausschliesslich ueber Farbe Bedeutung transportieren. Auch reine Bild-Buttons ohne Textalternative und PDF-Dokumente ohne logische Struktur sind problematisch. Priorisieren Sie bei der Behebung den Pfad vom Produkt bis zur Bestellbestaetigung, weil dort der wirtschaftliche und rechtliche Schaden am groessten ist.
Eigener Shop oder Marktplatz-Listing: Wer ist verantwortlich
Eine der haeufigsten Unsicherheiten betrifft die Abgrenzung zwischen eigenem Shop und Verkaeufen ueber Amazon, eBay oder Kaufland. Hier hilft eine einfache Faustregel, die im Zweifel dennoch anwaltlich zu pruefen ist.
Fuer die technische Barrierefreiheit der Plattform selbst ist grundsaetzlich der Marktplatzbetreiber verantwortlich. Die Gestaltung der Bestellstrecke, der Suche und des Checkouts auf Amazon liegt also nicht in Ihrer Hand. Ihre eigene Website, Ihr eigener Shop und Ihre App liegen dagegen vollstaendig in Ihrer Verantwortung.
Daraus folgt ein praktischer Hinweis. Wenn Sie ausschliesslich ueber Marktplaetze verkaufen und keinen eigenen Verbraucher-Shop betreiben, ist Ihr direkter Umsetzungsaufwand beim BFSG geringer. Sobald Sie aber eine eigene Verkaufs- oder Buchungsstrecke fuer Verbraucher betreiben, greifen die Pflichten in vollem Umfang. Klaeren Sie diese Abgrenzung frueh, damit Sie weder unnoetig Aufwand treiben noch eine echte Pflicht uebersehen.
Praktischer Umsetzungsfahrplan ueber mehrere Wochen
Barrierefreiheit laesst sich selten an einem Tag herstellen, aber gut in Etappen planen. Ein realistischer Fahrplan verteilt die Arbeit, statt sie in einem unmoeglichen Kraftakt zu buendeln.
In der ersten Phase verschaffen Sie sich Klarheit: Betroffenheit pruefen, einen automatisierten Kontrast- und Struktur-Check durchfuehren und die groessten Maengel dokumentieren. In der zweiten Phase beheben Sie die kritischen Barrieren im Bestell- und Bezahlprozess, weil dort Umsatz und Rechtsrisiko zusammentreffen.
Die dritte Phase widmet sich den Inhalten ausserhalb des Checkouts, etwa Kategorieseiten, Produktbeschreibungen und PDFs. In der vierten Phase erstellen Sie die Erklaerung zur Barrierefreiheit, verlinken sie sichtbar und richten einen Wartungsprozess fuer kuenftige Relaunches ein. Eine saubere, konsistente Pflege Ihrer Produktinhalte ueber Kanaele hinweg, wie sie MarketplAIce unterstuetzt, erleichtert dabei die barrierefreie Aufbereitung, ersetzt aber keine rechtliche oder technische Pruefung. Dieser Fahrplan ist eine Orientierung und keine Rechtsberatung.
Warum Barrierefreiheit auch wirtschaftlich sinnvoll ist
Es lohnt sich, Barrierefreiheit nicht nur als Pflicht, sondern als Chance zu betrachten. Wer das Thema rein als laestige Vorgabe abhakt, uebersieht den geschaeftlichen Nutzen, der ueber die reine Konformitaet hinausgeht.
Ein zugaenglicher Shop erreicht mehr Menschen. In Deutschland lebt ein erheblicher Anteil der Bevoelkerung mit dauerhaften oder voruebergehenden Einschraenkungen, vom Sehverlust bis zur eingeschraenkten Motorik. Hinzu kommen Situationen wie grelles Sonnenlicht auf dem Smartphone oder eine vorruebergehend verletzte Hand, in denen jeder Nutzer von barrierearmer Bedienung profitiert.
Viele Massnahmen verbessern zudem die allgemeine Nutzererfahrung und damit die Conversion. Klare Struktur, gute Kontraste, sauber beschriftete Formulare und schnelle Tastaturbedienung helfen allen Besuchern, nicht nur jenen mit Einschraenkungen. Barrierefreie Inhalte sind oft auch besser fuer Suchmaschinen lesbar. So zahlt die Pflicht, richtig angegangen, gleichzeitig auf Reichweite, Conversion und Sichtbarkeit ein, statt nur Kosten zu verursachen.
Wer das Thema frueh und gruendlich angeht, spart zudem spaeter Geld. Barrierefreiheit nachtraeglich in einen gewachsenen, fehlerhaften Shop einzubauen ist deutlich teurer, als sie von Beginn an mitzudenken. Behandeln Sie sie daher wie jede andere Qualitaetsanforderung an Ihren Shop und nicht als laestige Sonderaufgabe. Dieser wirtschaftliche Blickwinkel ersetzt jedoch nicht die rechtliche Pruefung Ihres konkreten Falls.
FAQ
Seit wann gilt das BFSG?
Das Barrierefreiheitsstaerkungsgesetz ist seit dem 28. Juni 2025 in Kraft. Es gibt keine zukuenftige Schonfrist mehr. Online-Haendler, die unter das Gesetz fallen, sind bereits jetzt zur barrierefreien Gestaltung verpflichtet.
Bin ich als kleiner Haendler von der Pflicht ausgenommen?
Die Kleinstunternehmen-Ausnahme gilt fuer Dienstleistungen bei weniger als 10 Beschaeftigten und hoechstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz. Wer jedoch Produkte in Verkehr bringt, kann trotz dieser Schwellen betroffen sein. Pruefen Sie Ihren konkreten Fall, im Zweifel mit anwaltlicher Hilfe.
An welchen Standards muss ich mich orientieren?
Massgeblich sind die Anforderungen der WCAG sowie die europaeische Norm EN 301 549. Praktisch geht es um Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verstaendlichkeit und Robustheit, also etwa Kontraste, Tastaturbedienung, Alternativtexte und Screenreader-Kompatibilitaet.
Was ist die Erklaerung zur Barrierefreiheit?
Das ist ein Pflichtdokument, in dem Sie den Stand der Barrierefreiheit Ihres Angebots beschreiben, offene Punkte nennen und eine Kontaktmoeglichkeit fuer Rueckmeldungen angeben. Sie sollte sichtbar verlinkt und aktuell gehalten werden, vergleichbar mit Impressum und Datenschutz.
Welche Strafen drohen bei Verstoessen?
Bussgelder koennen bis zu 100.000 Euro betragen. Zusaetzlich koennen Behoerden die Einstellung nicht konformer Angebote anordnen. Hinzu kommt ein Abmahnrisiko durch Wettbewerber sowie der wirtschaftliche Nachteil, potenzielle Kunden auszuschliessen.
Gilt das BFSG auch fuer meine Verkaeufe auf Amazon oder eBay?
Die Marktplatzbetreiber sind fuer ihre eigenen Plattformen verantwortlich. Fuer Ihre eigene Website, Ihren eigenen Shop und Ihre App tragen jedoch Sie die Verantwortung. Klaeren Sie individuell, welche Ihrer digitalen Beruehrungspunkte mit Verbrauchern betroffen sind.
Ersetzt dieser Beitrag eine Rechtsberatung?
Nein. Dieser Beitrag bietet eine Orientierung zum BFSG, ist aber keine Rechtsberatung. Da die Betroffenheit vom Einzelfall abhaengt und Bussgelder hoch sind, sollten Sie im Zweifel einen auf das BFSG spezialisierten Anwalt hinzuziehen.
Ueber den Autor
Jorginho Engelmeyer ist Gruender von MarketplAIce und seit ueber acht Jahren im Amazon-Advertising taetig. Er begleitet Haendler und Agenturen dabei, ihr Marktplatz-Geschaeft profitabel und compliant aufzustellen. Mehr ueber seinen Hintergrund unter /expertise.
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